Losnummer: 42
Hermann Nitsch gilt als zentrale Figur des Wiener Aktionismus, einer radikalen Bewegung der 1960er Jahre, die sich von traditioneller Kunst abwandte und stattdessen auf intensive, oft schockierende Live-Performances setzte, um gesellschaftliche Tabus und die unterdrückten Spannungen einer Nachkriegsgesellschaft zu thematisieren. Als engagierter Initiator dieser Performances bündelte Nitsch sie unter dem Namen Orgien-Mysterien-Theater. In diesen großangelegten, ritualhaft inszenierten „Plays“ verband er Performance, Malerei, Musik und Theater zu einem dichten Geflecht aus religiösem und mythologischem Symbolismus. Dabei griff er intensiv auf christliche, vor allem katholische Rituale zurück und reinterpretierte Elemente wie Messe, Opfer und Kreuzigung. Durch die Einbindung von Blut, menschlichen Körpern und ritualisierten Handlungen verwandelte er die symbolische Bedeutung dieser Rituale in unmittelbare, körperlich erfahrbare Intensität.
Das Werk Reliktinstallation 6-Tage-Spiel entstand im Rahmen einer solchen Performance, des 6-Tage-Spiels auf Schloss Prinzendorf im Sommer 1998. Es vereint zwei für Nitsch charakteristische Elemente: das Schüttbild und die Kreuztragbahre. Ursprünglich als getrennte Werke geplant, entschied sich Nitsch schließlich, sie zu einer Einheit zu verschmelzen. Das Schüttbild, ein Paradebeispiel aktionistischer Malerei, entsteht durch das Gießen von Farbe, hier Blut und Acryl, auf die Leinwand, ein Akt der spontanen, körperlichen Ausdruckskraft. Die Kreuztragbahre wiederum knüpft unmittelbar an religiöse Bildwelten an und vermittelt eine kraftvolle, fast sakrale Präsenz.
Durch die Verschmelzung dieser Elemente entsteht mehr als eine visuelle Komposition: Nitsch hinterlässt einen „Rest“ der Performance, eine Spur des ursprünglichen Geschehens. Das Werk fungiert zugleich als Kunstobjekt und Reliquie, bewahrt die Intensität, Symbolkraft und ritualisierte Energie des Originals und macht sie für den Betrachter sinnlich erfahrbar.
Zertifikat
Mit 2 beiliegenden signierten Photozertifikaten des Atelier Hermann Nitsch, Prinzendorf, vom 20.11.2019.
Provenienz
Privatsammlung, Belgien
Ausstellung
Kortijk 2025/2026 (Abby Kortrijk), Faith No More, Rituals for Uncertain Times, Hermann Nitsch, Marina Abramović, Francis Alÿs, Pieter Bruegel, Lucas Cranach, Otto Dix, Marlene Dumas u.a. (Ausstellungsansicht auf der Homepage der Hermann Nitsch Foundation)
Turnhout 2014 (De Warande), Stille Kracht (Ausstellungsansicht auf der Homepage Cultuurhuis de Warande)
Ghent 1998 (Galerie Fortlaan 17), Hermann Nitsch, Das Orgien Mysterien Theater (mit handschriftlichem Vermerk)
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