 |  | Deutsche Zeichnungen vom Mittelalter bis zum Barock | |
Einen Zuschreibungserdrutsch wie unlängst die Autoren Frank Zöllner, Christoph Thoenes und Thomas Pöpper mit ihrem Michelangelo-Werk, in dem die Zahl der eigenhändigen Zeichnungen des italienischen Genies von 900 auf etwa 200 reduziert wurden, hat und wird der Stuttgarter Bestandkatalog nicht auslösen. Dennoch finden sich auch in dem Band „Deutsche Zeichnungen vom Mittelalter bis zum Barock“, der die 1009 Zeichnungen der Graphischen Sammlung der Staatsgalerie Stuttgart aus der Zeit um 1500 bis zum Jahr 1700 – die Zeichnung des 18ten Jahrhunderts ist kunsthistorisch eine anderes Kapitel – aus deutschsprachigen Ländern erfasst und zum Teil erstmals publiziert, kritische Revisionen. So gelten die Zeichnungen Hans Baldung Griens, die schon der sogenannte „Großen Sammelband“ des Königlichen Kupferstichkabinetts enthielt, aus der die Institution hervorging, heute nicht mehr als eigenhändige Werke des alten Meisters, sondern als Arbeiten aus seiner Werkstatt.
Mit dem Namen Baldung Grien aber wird die Graphische Sammlung aber weiterhin renommieren können, denn mit dem „Jünger Johannes, trauernd“ von 1515, mit einem „Weiblichen Bildnis“ wohl von 1512 und mit der anmutigen Federzeichnung „Ruhendes Liebespaar“ von 1527 besitzt sie unzweifelhafte Arbeiten. Von Joachim von Sandrart ist nur noch eine Zeichnung gesichert, fünf weitere sind mit großen Fragezeichen versehen. Und auch das einzigartige Konvolut an Blättern Johann Heinrich Schönfelds, einem der bedeutendsten Maler Süddeutschlands in der zweiten Hälfte des 17ten Jahrhunderts, erfuhr Korrekturen. Angesichts der Tatsache, dass Schönfeld Linkshänder war und nur mit dem rechten Auge sah, was zu eigenwilligen Verzerrungen der Perspektive führte, wurden seine Arbeiten einer kritischen Betrachtung unterzogen und das schon bestehende Misstrauen bei den qualitativ schwächeren Blättern nun bestätigt. Zwölf Blätter sollen von seiner Hand stammen.
Die Bedeutung der Institution, den Kunst-Wert der Sammlung werden die neuen Zuschreibungen beziehungsweise Abschreibungen nicht schmälern. Stuttgart hat eine ganze Reihe von Schätzen an deutscher Zeichenkunst vorzuweisen, die für die Kunstgeschichte von unermesslichem Wert sind. Ganz in dem Sinne, dass das Gemälde das Werk ist, die Zeichnung aber die Idee, bewahrt man hier Hans von Aachens malerisch ausgeführte Zeichnung „Tarquinius bedroht Lucretia“ auf, wahrscheinlich ein Entwurf eines Gemälde für Kaiser Rudolf II. in Prag, in dessen Sammlung ein Aachen-Gemälde zum gleichen Thema von 1621 belegt ist. Auch Peter Candids Entwurf „Alexander der Große mit dem Gordischen Knoten“ von 1601 für ein Deckenbild im Erdgeschoss der Münchner Residenz, seine erste Arbeit für den bayerischen Herzog Maximilian I., steht für das Profil der Sammlung.
Auch wenn man bedauert, nur jeweils eine Arbeit von Albrecht Dürer und Lucas Cranach d.Ä. zu besitzen, Stuttgarts Bestand ist ein Spiegel deutscher Zeichenkunst: Wichtige Werkabschnitte des in Augsburg angesiedelten Hans Rottenhammer, Studien von Joseph Heintz d.Ä., Arbeiten von Friedrich Sustris und Christoph Schwarz als Vertreter des Manierismus, ein großer Bestand an Zeichnungen der Künstlerfamilie Sandrart, ein beachtlicher Komplex an Tierstudien der Roos-Familie oder 40 Stadtansichten des geheimnisumwitterten Jakob Geiger. Einzigartig ist eine Serie von Michael Willmann, die Vorlagen für die Radierungen im Grüssauer Passionsbuch, einer Inkunabel barocker Buchkunst, lieferten. Zwei der einst 21 Blätter zählen bedauerlicherweise zu den insgesamt acht- bis zehntausend Blättern, die im Zweiten Weltkrieg verloren gingen. Im Krieg vernichtet wurden auch fast alle Inventare und Registraturen, was die Bedeutung dieser Publikation als Bestandsaufnahme einer Sammlung umso stärker unterstreicht.
Hans-Martin Kaulbach, Konservator für deutsche und niederländische Grafik vor 1800, betont in seinem Vorwort, dass es ihm darum ging, endlich auch diesen Teil der Graphischen Sammlung der Öffentlichkeit besser zugänglich zu machen und den Stand der Forschung zu dokumentieren. Und da zählt in Bezug auf die kritischen Zuschreibungen Aufrichtigkeit immer noch mehr als vermeintliches Renommieren. Allerdings gingen die Autoren auch den umgekehrten Weg. Anonyme Zeichnungen wurden stilistischen Analysen unterzogen und unter einem Namen oder einer Schule zur Diskussion gestellt. So wurden etwa mehr als 20 Blätter der Werkstatt Johann Heinrich Schönfelds zugeordnet.
Was diesen Band in der Fülle wissenschaftlicher Publikation für Kunsthistoriker, Galeristen, Sammler und Liebhaber der Zeichnkunst so unentbehrlich macht, ist nicht allein der Abdruck aller Zeichnungen, sondern auch die wissenschaftliche und textliche Bearbeitung. Sie fußt auf jahrzehntelangen Recherchen und Forschungen des 1990 verstorbenen, ehemaligen Konservators der Sammlung, Heinrich Geissler, der in mehr als dreißig Jahren eines der umfangreichsten Archive zur deutschen Zeichenkunst aufgebaut hat, und so vor Jahrzehnten bereits die Arbeiten am Bestandkatalog vorbereitet hat. 40 Katalogtexte stammen aus seiner Feder und waren ideelles Gerüst für die anderen Autoren: In kurzen, knappen Beschreibungen die Schönheit jeder einzelnen Arbeit hervorzuheben und auch die vierte, unsichtbare Dimension der Zeichnung, ihren Platz im kunsthistorischen Universum, allgemeinverständlich erkennbar zu machen.
Deutsche Zeichnungen vom Mittelalter bis zum Barock
Herausgeber: Staatsgalerie Stuttgart – Graphische Sammlung
Bearbeitet von Hans-Martin Kaulbach, mit Beiträgen von Guido Messling und Texten von Heinrich Geissler
Hatje Cantz Verlag, Stuttgart, 2007
464 Seiten, 1004 Abbildungen, 24 farbig, Preis 68 Euro |