 |  | Ulrich Maximilian Schumann: Friedrich Weinbrenner. Klassizismus und „praktische Ästhetik“ | |
Es ist ein anspruchsvolles Thema, das sich der Kunsthistoriker Ulrich Maximilian Schumann in seiner groß angelegten Studie „Friedrich Weinbrenner. Klassizismus und ‚praktische Ästhetik‘“ vorgenommen hat. Denn wer sich an einer Interpretation des Karlsruher Architekten versucht, steht zunächst einmal vor einem ziemlich wackeligen Forschungsgebäude, an dem noch viel Aufbauarbeit zu leisten ist. Zu seiner Zeit hochberühmt, als badischer Baudirektor mit Arbeit und durchaus auch fürstlicher Anerkennung überhäuft, als Leiter seiner eigenen Bauschule Lehrer einer Hundertschaft zum Teil kaum weniger bedeutender Schüler, ging es ihm nicht allzu lange Zeit nach seinem Tod wie vielen seiner Kollegen, die in den Jahren um und nach 1800 wirkten: Er wurde geschmäht, seine Architektur als „monoton und leer“ deklassiert, seine Bauten als Zeugnisse einer vermeintlich armen Epoche von den Prunk- und Protzbauten des Historismus beseitigt.
Erst zu Beginn des 20sten Jahrhunderts gelang eine schrittweise Rehabilitation. Bemerkenswerterweise waren es hier nicht allein einzelne Kunsthistoriker, die sich für mehr Verständnis und Einfühlungsvermögen in das Werk Weinbrenners einsetzten, sondern auch eine Reihe insbesondere jüngerer Architekten der Jugendstil- und Arts and Crafts-Bewegung, die den Karlsruher aus einem anderen Blickwinkel betrachteten, ja sogar für ihre eigenen Arbeiten Anregungen von ihm empfingen. Heinrich Tessenow, Max Laeuger und dessen Schüler Arthur Valdenaire sind hier zu nennen. Dennoch: Valdenaires Weinbrenner-Biografie, 1919 in erster und 1926 in zweiter Auflage veröffentlicht, ist bis heute die einzige umfassende Monografie über den Architekten geblieben, noch immer ein Standardwerk zwar, aber doch in Vielem überholt und ergänzungsbedürftig. Anders als der Berliner Karl Friedrich Schinkel oder der Münchner Leo von Klenze harren Weinbrenner und seine vielverzweigte Schülerschaft bis heute einer umfassenden Darstellung, Würdigung und nicht zuletzt populären Verbreitung.
Auch die vom Institut für Baugeschichte der Universität Karlsruhe herausgegebene Reihe „Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule“, in der Schumanns Buch erschien, ist seit der Veröffentlichung des ersten Bandes 1988 nicht über einige sehr detailreiche Spezialstudien hinausgekommen. Das jetzt erschienene Kompendium ist da anders. Es versucht erstmals einen umfassenden Blick nicht nur auf die Baupraxis des Künstlers, sondern auch auf deren theoretische Voraussetzungen, die Weinbrenner selbst in verschiedenen Schriften, allen voran seinem seit 1810 in mehreren Teilen erschienenen „Architektonischen Lehrbuch“, niedergelegt hat und an seine Schüler weitergab. Mit großer Akribie, kenntnis- und materialreich sowie quellenorientiert – nicht zuletzt wird der heute im Deutschen Literaturarchiv Marbach aufbewahrte Schriftwechsel zwischen Weinbrenner und seinem Stuttgarter Verleger Johann Friedrich Cotta ausgewertet – legt Schumann Voraussetzungen, Umstände und Entstehungsgeschichte des „Architektonischen Lehrbuchs“ dar und erläutert dessen Folgen für die Praxis.
Beeindruckend ist schon das dichte Netz von Beziehungen zu Schriftstellern, Philosophen und anderen Geistesgrößen der Zeit um 1800, in das der allseits als sympathisch und umgänglich geschilderte Architekt aus Karlsruhe eingespannt war. Dabei wird deutlich, wie stark diese von aufklärerischen Ideen durchdrungenen Kreise für Weinbrenners Architekturauffassung prägend waren. Zugleich werden die philosophischen und theoretischen Voraussetzungen beleuchtet, auf deren Basis Weinbrenner seine eigenen Ideen entwickelt und sie für die Praxis anwendbar zu machen versucht. Hier ist neben Immanuel Kant und dem Berliner Schriftsteller Karl Philipp Moritz, dessen Vorlesungen Weinbrenner während seiner Studienzeit hörte, auch der nur wenig ältere französische Architekturtheoretiker Jean-Nicolas-Louis Durand zu nennen, dessen Lehre von der Konstruktion eines Baus mittels eines Rastersystems von Weinbrenner nur als eine von mehreren Möglichkeiten des Vorgehens berücksichtigt wird.
Bindend bleibt für Friedrich Weinbrenner stets die Orientierung an der antiken Baukunst. Doch wendet er sich gegen eine sklavische Nachahmung von Kunst und Architektur der Vorväter und damit auch gegen die Auffassung etwa eines Johann Joachim Winckelmann, der ja eine „Nachahmung der griechischen Werke“ geradezu als das Credo der Künstler seiner Zeit postuliert hatte. Für Weinbrenner ist folglich die Antike Vorbild, aber auch Gefahr, und aus dieser Situation seien nur zwei Konsequenzen möglich: „selbstsicheres Gelingen oder Scheitern. Nicht das Vorbild entscheidet hierüber, sondern die eigene Souveränität im Umgang damit.“ Mit dieser Formulierung versucht Schumann auch eine Antwort auf die Frage zu geben, die er als den allerersten Satz seiner Untersuchung formuliert hat: „Was ist Klassizismus?“ Er stellt hierdurch – im Sinne und auf Basis der Lehren Weinbrenners – die Definition als eines kritischen, kreativen Umgangs mit der Antike zur Diskussion.
Dies ist auch die Basis, auf der Weinbrenners „Architektonisches Lehrbuch“ den angehenden Baumeister an die Hand nimmt. Denkbar grundlegend führt der Meister seine lesenden Schüler anhand der Genese eines leeren Gefäßes zunächst an das Problem des Raumes heran, dessen Bedingungen von Solidität und Bequemlichkeit – mit Weinbrenners Worten der „Bedürfnisraum“ – zwangsläufig zu einer ästhetisch gesetzmäßigen Gestaltung der Umrisse – der äußeren Form oder des „Formenraumes“ – führe. Konsequenterweise bedingt dies auch ein neues Verhältnis zum Ornament, das Weinbrenner in einer „Verzierungslehre“ beleuchtet: Verzierungen können nur da angebracht werden, wo sie als ein Zusatz zur „Form des Gegenstandes“ zu betrachten sind, sich nicht unmittelbar aus dieser heraus herleiten lassen.
Zu welch ungeheuer modernen Ergebnissen dies in der Praxis Weinbrenners führt, zeigt Ulrich Maximilian Schumann anhand des Entwurfs für ein unausgeführt gebliebenes Umgestaltungsprojekt der Langen Straße in Karlsruhe aus dem Jahr 1806. Dies steht im Zentrum von Schumanns Untersuchung und ziert nicht von ungefähr auch den Umschlag seines Buches. Die bis dahin uneinheitlich bebaute und übereinstimmend als unansehnlich, gar „widerlich“ geschilderte Ost-West-Achse sollte nach Weinbrenners Vorstellung in Höhe und Fluchtlinie vereinheitlicht und durch eine in Holz auszuführende Reihung vor die Fassaden geschalteter Arkaden und Kolonnaden bereichert werden. Dabei verzichtet Weinbrenner, seinen Lehren gemäß, vollkommen auf eine dekorative Verschleierung der den einfachen Bedürfnissen von Wohn- und Geschäftshäusern angemessenen architektonischen Schlichtheit. „Form follows function“, dieses erst knapp hundert Jahre später ausgebrachte Credo findet in Weinbrenner bereits einen konsequenten Befürworter, und es verwundert nicht, dass der Entwurf nach seiner Wiederentdeckung und Veröffentlichung 1919 unter den Architekten der Zeit wie eine Bombe einschlug.
Wie stark allerdings auch Friedrich Weinbrenner aus der Praxis schöpfte und seine Arbeit gleichsam als selbstverständliche Konsequenz aus der Erfahrung ansehen musste, erschließt Schumann aus den Eindrücken, die Weinbrenner insbesondere während seiner italienischen Studienreise 1792/97 sammelte. Wie hier Antikes und Mittelalterliches sich allerorten miteinander verschränkt hatte, wie hier die Baukunst der Alten eine ungekünstelte, durch den Gang der Geschichte begründete und legitimierte Uminterpretation erfahren hatte, wie aber auch Weinbrenner seinen Blick auf eben diese von seinen Vorläufern und Zeitgenossen bisher unbeachteten Details richtete – dies Alles ist mit Rücksicht auf seine späteren Bauten und Schriften von fundamentaler Bedeutung und von Schumann in dieser Breite und Tiefe eingehend dargestellt.
Die nüchterne, sachliche und dabei ungemein authentische, gleichsam „wahrhaftige“ Architektursprache Weinbrenners sichert ihrem Autor einen festen Platz nicht nur in der Kunstgeschichtsschreibung des frühen 19ten Jahrhunderts, sondern macht vor allem auch die große Modernität begreiflich, die ihm von den Überwindern des Historismus in den ersten drei Jahrzehnten des 20ten Jahrhunderts beigemessen wurde. Weinbrenner weist weit über seine eigene Zeit hinaus und ist zugleich ein weiterer Beleg – bestimmte Tendenzen im Schaffen Schinkels wären ihm an die Seite zu stellen – für die Beobachtung, dass von diesen Architekten Möglichkeiten ausgesprochen wurden, die erst hundert Jahre später zum Durchbruch gelangten, nachdem die Architektur für lange Zeit andere Wege eingeschlagen hatte. Schumanns Buch, das in seiner Themenstellung ebenso wie in einer Methodik ein längst überfälliges Forschungsprojekt darstellt, eröffnet hier neue Wege der Forschung für eine Bewertung des deutschen Klassizismus überhaupt.
Ulrich Maximilian Schumann: Friedrich Weinbrenner. Klassizismus und „praktische Ästhetik“
in der Reihe „Friedrich Weinbrenner und die Weinbrenner-Schule“, Band 5
Deutscher Kunstverlag, Berlin/München 2010
355 Seiten mit 79 farbigen und 136 schwarzweißen Abbildungen
Preis 58 Euro |