 |  | Gerhard Richter. Editionen 1965-2013 | |
„Manchmal denke ich, ich sollte mich nicht Maler nennen, sondern Bildermacher. Ich bin mehr an Bildern interessiert als an Malerei.“ Diese Selbsteinschätzung von Gerhard Richter stammt aus einem Gespräch mit Alexander Kluge aus dem Jahr 2013 und ist quasi als Motto im Klappentext des gerade herausgekommenen Werkverzeichnisses „Gerhard Richter. Editionen 1965 – 2013“ abgedruckt. Dieses kunsthistorisch fundierte, im Verlag Hatje Cantz erschienene, 342 Seiten und ebenso viele Abbildungen umfassende Buch, ist ein Muss für jeden Gerhard Richter-Sammler, aber auch ein wertvolles Nachschlagewerk für alle, die sich kuratorisch, wissenschaftlich oder einfach nur aus reinem Interesse mit dem umfangreichen Werk des deutschen Malerfürsten beschäftigen.
Die Herausgeber des Werkverzeichnisses, Hubertus Butin, Stefan Gronert und Thomas Olbricht gelten alle drei als Richter-Experten. Der an den Universitäten in Bonn und Zürich ausgebildete Kunsthistoriker Hubertus Butin legte bereits 2004 ein ebenfalls bei Hatje Cantz erschienenes, heute vergriffenes Werkverzeichnis der Gerhard Richter-Editionen vor. Der 50jährige beschäftigt sich in seinem Katalogtext für das aktualisierte und um 35 neue, zwischen 2004 und 2013 erschienene Editionen ergänzte und überarbeitete Werkverzeichnis intensiv mit der Technik, der Form und dem Kontext der Auflagenkunst des Kölner Künstlers. Der weltweit bedeutende Künstler, der zu den teuersten zeitgenössischen Kunststars zählt, hat sich in seinem Œuvre auf nahezu alle künstlerische Gattungen von Ölgemälden über Aquarelle, alle möglichen Drucktechniken, Künstlerbücher, Fotografien, Glasarbeiten, Skulpturen bis hin zu Teppichen eingelassen. Kenner wissen jedoch längst, dass auch die Editionen in seinem künstlerischen Werk einen besonderen Stellenwert einnehmen.
Seit seinen westdeutschen Anfängen in Düsseldorf Ende der 1960er Jahre hat der in Dresden geborene Gerhard Richter jedes Jahr mehrere Editionen angefertigt, von denen jetzt 162 Originale in unterschiedlich hohen Auflagen in das akribisch verfasste Werkverzeichnis aufgenommen wurden. Gerhard Richter hat die Arbeit am Buch zusammen mit seinen Mitarbeitern in seinem Kölner Atelier und am Gerhard Richter Archiv in Dresden intensiv begleitet und das gesamte Werkverzeichnis autorisiert. Die früheste Edition Gerhard Richters datiert aus dem Jahr 1965 und zeigt den Schäferhund Wolfi. Der Siebdruck entstand nach einer Fotografie des Familienhundes aus dem Fotoalbum seiner damaligen Frau Ema. Die Edition wurde anlässlich der Ausstellung „Kunstmarkt“ in der Galerie Pro von Johannes Wasmuth in Bad Godesberg vom Verlag Hofhauspresse in Düsseldorf herausgegeben.
Im Laufe der Jahre entwickelte Gerhard Richter immer wieder neue Techniken für die Herstellung seiner Auflagenkunst. Es entstanden Druckgrafiken und Fotoeditionen, Künstlerplakate und Gemäldeeditionen, aber auch immer wieder Künstlerbücher, die für den Perfektionisten Richter einen besonderen Stellenwert einnehmen und gleichberechtigt neben hochwertigen Pigmentdrucken und stark gesuchten Fotoübermalungen in das Werkverzeichnis aufgenommen wurden. So etwa das 1992 von Richter-Kenner Hans-Ulrich Obrist herausgegebene, 88seitige Künstlerbuch „Sils“, das anlässlich einer Ausstellung im Nietzsche-Haus im schweizerischen Sils-Maria in einer Auflage von 1.000 Exemplaren erschien. Der schmale Band mit einer Abbildung des schneebedeckten Nietzsche-Hauses auf dem Titel enthält 52 Fotografien, die Gerhard Richter im Engadin angefertigt und mit Ölfarbe übermalt hat.
Der Mitherausgeber des Werkverzeichnisses, Stefan Gronert, hat sich intensiv mit dem Stellenwert der Fotografie im Werk von Gerhard Richter befasst. Sein Aufsatz „Reproduktion als Produktion“ untersucht systematisch die verschiedenen Techniken des Künstlers in Bezug auf das Medium Fotografie und seinen erweiterten Ansatz des Bildverständnisses. Der grundlegende, dem eigentlichen Werkverzeichnis vorangestellte Aufsatz Hubertus Butins hingegen analysiert das Gesamtkonvolut von Richters Editionen und ordnet sie verschiedenen Kategorien wie „Farbe als Readymade“, „Freundschaftsbilder und Gemeinschaftsarbeiten“ oder „Raster und Zufallsprinzip“ zu. Das Prinzip des Seriellen, charakteristisch für Richters Werk, spiegelt sich naturgemäß auch in seiner Auflagenkunst.
Wer das Buch aufmerksam studiert, wird erkennen, dass Gerhard Richter bereits in seiner Anfangszeit als Künstler auf wichtige Wegbegleiter gestoßen ist, die ihm zum Teil bis heute treu geblieben sind: Galeristen wie August Haseke in Hannover, René Block in Berlin und Heiner Friedrich in München, Künstlerfreunde wie Sigmar Polke und Konrad Lueg – später der Galerist Konrad Fischer – in Düsseldorf oder Ausstellungsmacher wie Jürgen Wesseler vom Kabinett für aktuelle Kunst in Bremerhaven.
Der Kunstkompass des Manager Magazins listet Gerhard Richter seit vielen Jahren als den bedeutendsten Gegenwartskünstler weltweit auf. Auktionsrekorde für seine Gemälde, aber auch beachtliche Wertsteigerungen der Editionen machen Gerhard Richter zu einem international bekannten Kunstmarktstar. Der dritte Herausgeber des Werkverzeichnisses ist denn auch der Essener Kunstsammler Thomas Olbricht, der als weltweit einziger Privatsammler eine nahezu komplette Sammlung aller Richter-Editionen besitzt. In diesem Jahr ist Gerhard Richter 82 Jahre alt geworden. Sein vielgestaltiges Œuvre aber ist bei Weitem noch nicht abgeschlossen.
Gerhard Richter. Editionen 1965-2013
Herausgegeben von Hubertus Butin, Stefan Gronert, Thomas Olbricht
Hatje Cantz Verlag, Ostfildern, 2014
342 Seiten, 342 Abbildungen, Preis 68 Euro |