 |  | Helga Meister: Der Mensch in der Skulptur. Figurative Kunst der Gegenwart | |
Interdisziplinäre Ausdrucksmittel und interaktive Erlebnisse mit der Tendenz zur Partizipation, Wechselbeziehung und Diversität beherrschen zunehmend die zeitgenössische Kunstproduktion. Dies schlägt sich auch auf die Kunst im öffentlichen Raum nieder. Tradierte Formen scheinen mehr und mehr in den Hintergrund zu rücken. Drei neue Publikationen widmen sich nun den althergebrachten Gestaltungsformen von den dreißiger Jahren des vergangenen Jahrhunderts bis zur Gegenwart. Die Düsseldorfer Kunstkritikerin Helga Meister legt in dem gerade publizierten Band „Der Mensch in der Skulptur. Figurative Kunst der Gegenwart“ den Fokus auf die Erforschung figürlicher Charaktere. Es ist nicht nur ein Who’s Who der gegenständlichen Plastik in öffentlichen Räumen, sondern zugleich ein Beleg, dass die neuen Medien in ihrer digitalen Durchlässigkeit alte Darstellungsweisen nicht gänzlich verdrängen können.
24 überwiegend renommierte jüngere und ältere deutsche Künstlerinnen und Künstler stellt die gewandt formulierende Autorin in fundierten, erfrischenden Texten vor. Prägnante Interpretationen und Klassifizierungen der Werkgruppen werden teilweise von kurzen Interviews, Anekdoten oder Statements aufgelockert, so dass die Lust zum Weiterlesen nie nachlässt. Dazu kommen ausgewählt Fotografien. Für die Recherche war Helga Meister viel unterwegs. Selbst abgeschieden in Brandenburg oder Mecklenburg-Vorpommern lebende und arbeitende Künstler besuchte sie vor Ort wie etwa Emerita Pansowová in ihrer alten Dorfschule bei Wandlitz. Susanne Rast, die einen Staatsauftrag für das letzte 10-Mark-Stück der DDR erhielt, der zwar bezahlt, aber nie umgesetzt wurde, lebt in Marlow-Kneese bei Rostock. Oder die Berliner Steinbildhauerin Marguerite Blume-Cárdenas, die darunter leidet, dass der Transport von Figuren heute nahezu unbezahlbar bleibt. Der Bogen spannt sich von internationalen Stars wie Markus Lüpertz mit seinen scheinbar aus dem Götterhimmel entstiegenen, klobigen Helden, Leiko Ikemura mit ihren spirituellen Terrakottawesen, Thomas Schütte mit seinen traumhaften Figuren oder Martin Honert mit seinen an Spielzeuge erinnernden Gestalten bis zu jüngeren Talenten wie Joscha Bender, der sich an rätselhaften Typen in altmeisterlichen Techniken abarbeitet.
„Schwarz, Braun, Rot. Architektur in Wien 1938-1945“, ein Band des Wiener Architekturhistorikers Markus Kristan, mutet zunächst wie ein nüchtern auf Baukunst konzentriertes Werk an. Er widmet sich einer Zeit, in der in Wien abgesehen von kriegsrelevanten Belangen zwar viel geplant, aber wenig neu gebaut wurde. Doch eines zeichnen die nahezu ausschließlichen nüchtern verputzten, unauffälligen Wohnbauten mit Satteldächern, gemauerten Fensterumrahmungen oder Gesimsen aus: Die durchgehende Bestückung mit broschenhaft applizierter Kunst am Bau. Dass ein Prozent der Baukosten damals für Kunst ausgegeben werden musste, entsprang ideologischen Intentionen. Es handelt sich um den Versuch, Volksmassen im Sinne des Regimes zu beeinflussen.
Terrakottareliefs, Steinfiguren, Mosaike, Figurenfriese oder seltene Bronzereliefs spiegelten eine heile Welt mit scheinbar unverfänglichen figurativen Sujets wie Tier-, Landschafts- oder Märchenmotiven und lokalhistorischen Themen vor. Doch die intakte Familie, Heldentum, Arbeiter- und Bauerndarstellungen verweisen eindeutig auf nationalsozialistische Vorstellungen von idealen Verhältnisse. Gerade diese Werke sind es, die teils bewusst, teils der Unkenntnis wegen Sanierungen zum Opfer fallen. So ist es ein Verdienst des Autors, in seinem Inventar stets die Werke der Kunst am Bau einbezogen und im biografischen Teil mit aufwendig recherchierten Lebensläufen das Schaffen der Künstler erhellt zu haben. Wieder befällt den Lesern das Erstaunen, wie bruchlos nach dem Krieg viele Karrieren fortgesetzt werden konnten.
Dem gegenüber konzentriert sich die schwergewichtige Publikation „Kunst im öffentlichen Raum in Krefeld“, die Ende letzten Jahres im Kölner Wienand Verlag erschien, nicht nur auf die gesamte Zeit der mit dem Beginn der Weimarer Republik praktizierten Kunst am Bau-Praxis, die sich ab Mitte der 1970er Jahre zur Kunst im öffentlichen Raum ausweitete, sondern dokumentiert auch pompöse kaiserzeitliche Propagandadenkmale. Dies gilt zudem für die Aufnahme künstlerisch gestalteter Kultgegenstände in Kirchen oder privaten Baulichkeiten, die gleichfalls vom Kernthema weit abweichen. Hier wäre eine Konzentration auf den originären Sachverhalt der Kunst am Bau bzw. im öffentlichen Raum instruktiver gewesen.
So ergab sich eine überbordende Fülle aus über 700 inventarisierten Arbeiten teils von zweifelhaftem künstlerischem Wert, die sich konfus gegliedert und zum Teil mit fehlerhaften Nummerierungen in einem unübersichtlichen Wust zu einer schwammigen Melange vereinen, so dass man eigentlich eine Gebrauchsanweisung benötigt und die Lust am Gebrauch vergeht. Schon das dilettantisch arrangierte Cover mit zerschnittener Bild- und Schriftgestaltung weckt ebenso wenig Neugier wie die recht stumpfsinnigen, inhaltsleeren Texte, von denen man sich instruktive Informationen von den spezifischen Entwicklungen vor Ort erhofft hätte. Immerhin ist anzuerkennen, dass durch die Dokumentation viele Werke vor dem Vergessen bewahrt werden. Das Buch richtet sich primär an den verwaltungsinternen Eigengebrauch und nicht an ein interessiertes Publikum. In Anbetracht einiger qualitätvoller Werke ist dies bedauerlich, hier hätte man mit strikten Eingrenzungen, fundierten Recherchen und einer präziseren Auswahl ein besseres Ergebnis erzielen können.
Helga Meister: Der Mensch in der Skulptur. Figurative Kunst der Gegenwart. Verlag Peter Tedden, Düsseldorf 2024, 32 Euro
Markus Kristen: Schwarz Braun Rot. Architektur in Wien 1938-1945. Verlag Vandenhoeck & Ruprecht, Wien 2025, 45 Euro
Verein Kunst und Krefeld e.V. (Hrsg.): Kunst im öffentlichen Raum in Krefeld, Krefeld 2024, Wienand Verlag Köln, 25 Euro |